Die KI-Stimmung im Team kippt, und der Grund ist nicht die Jobangst
Die Stimmung dreht, aber nicht aus dem Grund, den alle vermuten.
Wenn ein Treuhänder oder Kanzleichef heute über KI nachdenkt, hat er meistens zwei Stimmen im Kopf. Die eine sagt: Da liegt enormes Potenzial in der Belegverarbeitung, in den Abschlüssen, im Schriftverkehr. Die andere sagt: Mein Team wird das nicht lieben.
Die zweite Stimme hat gerade Zahlen bekommen. Glassdoor, die Plattform für anonyme Arbeitgeberbewertungen, hat ausgewertet, wie Mitarbeiter zwischen Juni 2025 und Mai 2026 über KI am Arbeitsplatz schreiben. Das Ergebnis: Positive KI-Kommentare sind von 81 Prozent im Jahr 2019 auf 43 Prozent gefallen. Mehr als jeder zweite Kommentar ist inzwischen negativ. Und in Sachbearbeiter-Rollen, also genau dem Berufsbild, das den Kern jeder Kanzlei ausmacht, ist die Ablehnung am höchsten.
Man könnte daraus schliessen: Finger weg, das Team macht nicht mit. Ich lese die Daten genau umgekehrt. Denn der spannendste Teil der Auswertung ist nicht die Stimmung selbst, sondern ihre Begründung.
Nur ein Fünftel ist Jobangst
Glassdoor hat die negativen Kommentare kategorisiert. Angst vor Jobverlust, das Thema, das alle Schlagzeilen dominiert, macht 20 Prozent der Kritik aus. Ein Fünftel.

Anonyme Arbeitgeberbewertungen sagen mehr als jede höfliche Umfrage.
Der Rest beschreibt keine Angst vor der Technik, sondern Ärger über ihre Einführung: 14 Prozent berichten von erzwungener KI-Nutzung, da wurden Lizenzen gekauft und per Ansage verteilt. 13 Prozent erleben, dass die KI vom Kerngeschäft ablenkt oder das Kundenerlebnis verschlechtert. 10 Prozent fühlen sich überwacht oder entfremdet. 8 Prozent ächzen unter Produktivitätserwartungen, die sich das Management von einer Verkaufsfolie versprechen liess.
Anders gesagt: Der Frust entsteht nicht, weil KI im Betrieb ist. Er entsteht, weil sie schlecht hineingekommen ist. Das ist eine gute Nachricht, denn im Gegensatz zur Weltlage ist die eigene Einführung etwas, das eine Kanzlei vollständig selbst in der Hand hat.
Zur Ehrlichkeit gehört: Das sind amerikanische Daten. Aber die Werkzeuge sind dieselben wie bei uns, und die Einführungsfehler sind es nach allem, was ich in Projekten sehe, auch. Und noch etwas gehört zur Ehrlichkeit: Die viralen Scheiter-Statistiken, die in diesem Zusammenhang gern zitiert werden, angeblich 95 Prozent gescheiterte Piloten und ähnliches, verwende ich bewusst nicht. Wir haben diese Zahlen recherchiert; sie halten einer Quellenprüfung nicht stand. Echte anonyme Mitarbeiterstimmen sind die bessere Datenbasis als hochgerechnete Prozentzahlen aus Sekundärzitaten.
Was die Zufriedenen anders erlebt haben
Dieselbe Auswertung enthält die Gegenprobe, und die wird selten zitiert: Bei den positiven KI-Kommentaren loben 41 Prozent ausdrücklich Werkzeuge, Schulungen und Unterstützung. Nicht das Modell, nicht den Anbieter. Die Art, wie das Unternehmen seine Leute befähigt hat.
Damit steht die Lösung eigentlich schon in den Daten. Was im Alltag den Unterschied macht, lässt sich fast eins zu eins auf die Frust-Liste legen:
| Frustgrund (Anteil der Kritik) | Was dahintersteckt | Gegenmittel in der Praxis |
|---|---|---|
| Erzwungene Nutzung (14 %) | Tool zuerst, Prozess nie | Einen konkreten Ablauf als Pilot wählen, der heute nachweislich Zeit frisst |
| Ablenkung vom Kerngeschäft (13 %) | Werkzeug wurde wichtiger als die Arbeit | Erfolg am Ablauf messen (Zeit, Fehler, Durchlauf), nicht an der Nutzungsquote |
| Entfremdung, Überwachung (10 %) | System urteilt über Menschen | Rollen klar: die Maschine macht Vorarbeit, der Mensch prüft und entscheidet |
| Unrealistische Erwartungen (8 %) | Versprechen aus dem Sitzungszimmer | Ehrlich beziffern, was der Pilot abnimmt, und nichts darüber hinaus |
| Jobangst (20 %) | Unausgesprochene Zukunftsfrage | Offen klären, wohin frei werdende Zeit fliesst, bevor Gerüchte es tun |
Fünf Prinzipien für die Einführung in der Kanzlei
Erstens: Prozess vor Tool. Der grösste Fehler ist der Grossrollout, eine Lizenz für alle und die Hoffnung, der Nutzen stelle sich ein. Funktionierende Einführungen starten mit einem einzigen Ablauf, in der Kanzlei typischerweise die Belegaufbereitung, und machen daraus einen Pilot mit messbarem Ergebnis.
Zweitens: Die Betroffenen bauen mit. Die Sachbearbeiterin, die den Ablauf heute von Hand macht, kennt jede Ausnahme, jeden Spezialfall, jeden Mandanten mit Eigenheiten. Genau dieses Wissen macht ein System gut. Wer sein Team erst beim Rollout informiert, verschenkt das Wissen und beschädigt das Vertrauen gleich mit.
Drittens: Ehrliche Ansage. Wenn das System einen Teil der Erfassung übernimmt, kommuniziert man genau das, nicht die Verdopplung der Produktivität. Überzogene Erwartungen sind laut den Daten ein eigenständiger Frustgrund, und sie sind der am leichtesten vermeidbare.
Viertens: Kontrolle sichtbar beim Menschen. In meinen Projekten arbeitet das System wie ein zusätzlicher Junior, der die Vorarbeit übernimmt: Es liest, sortiert, schlägt vor. Geprüft und entschieden wird vom Team. Wer das von Anfang an so aufsetzt und so kommuniziert, nimmt dem Überwachungsgefühl den Boden weg, und behält nebenbei die fachliche Qualität im Haus.
Fünftens: Routinen statt Schulungsmarathon. Kein einmaliges Seminar, sondern kurze wiederkehrende Formate, eine klare Ansprechperson und eine begleitete Anfangsphase. Das ist exakt das «Werkzeuge, Schulungen, Unterstützung» aus den positiven Bewertungen, ins Operative übersetzt.

Die Betroffenen bauen mit: Wer die Arbeit macht, kennt jede Ausnahme.
Die Schere zwischen oben und unten
Ein Detail der Auswertung verdient besondere Aufmerksamkeit: Führungskräfte sind die mit Abstand positivste Berufsgruppe, Sachbearbeiter-Rollen die kritischste. Oben Aufbruchstimmung, unten Frust.
Für eine Kanzlei ist das ein Frühwarnsystem. Wenn der Chef begeistert von KI redet und das Team schweigt, ist das kein Zeichen von Zustimmung. Es ist meistens ein Zeichen dafür, dass die Einführung bisher als Verordnung erlebt wurde. Der Test ist einfach: Würden deine Leute den Pilot weiterempfehlen, wenn man sie anonym fragte? Wer sich bei der Antwort nicht sicher ist, hat seine nächste Aufgabe gefunden.
Woran du erkennst, ob ein Partner Transformation kann
Wenn die Einführung über den Erfolg entscheidet, verschiebt sich auch die Anforderung an externe Unterstützung: weg vom Feature-Vergleich, hin zur Arbeitsweise. Vier Fragen fürs Auswahlgespräch:
Redet er zuerst über eure Abläufe oder zuerst über Lizenzen? Kann er zeigen, wie er so etwas schon eingeführt hat, mit Prozess, Pilot und Menschen statt mit Folien? Kommt in seinem Plan ein Pilot mit den späteren Nutzern vor, oder nur ein Rollout-Termin? Und sagt er auch einmal: Dafür lohnt sich KI bei euch nicht?
Die letzte Frage ist die wichtigste. Wer überall Potenzial sieht, hat entweder nicht hingeschaut oder will vor allem verkaufen.
Fazit
Die KI-Stimmung in den Teams kippt, aber sie kippt aus Gründen, die eine Kanzlei selbst steuern kann. Nur ein Fünftel des Frusts ist Jobangst; der Rest ist das Protokoll verordneter statt eingeführter Systeme. Die Gegenprobe steht in denselben Daten: Wo Mitarbeiter Werkzeuge, Schulung und Unterstützung erleben, loben sie die Einführung. Der Weg dorthin ist Handwerk: ein Pilotprozess, die Betroffenen am Tisch, ehrliche Erwartungen, sichtbare menschliche Kontrolle und Begleitung statt Einmalschulung. Wie so eine Einführung am Beispiel der Belegverarbeitung konkret aussieht, zeigen wir hier: wdc-gmbh.ch/branchen/treuhand/
Mein Team ist skeptisch gegenüber KI. Ist das ein Warnsignal?
Eher im Gegenteil: Skepsis heisst, dass deine Leute die Qualität ihrer Arbeit ernst nehmen. Kritisch wird es erst, wenn Skepsis ignoriert wird. Hol die kritischsten Stimmen in den Pilot; sie liefern die besten Testfälle und werden die glaubwürdigsten Fürsprecher, wenn es funktioniert.
Sollten wir mit der Einführung warten, bis die allgemeine Stimmung besser ist?
Die Stimmung ist kein Wetter, sondern das Ergebnis konkreter Einführungen. Wer wartet, überlässt die erste KI-Erfahrung seines Teams dem Zufall. Ein kleiner, gut begleiteter Pilot im eigenen Haus prägt mehr als jede Schlagzeile.
Womit fängt eine Kanzlei am besten an?
Mit einem Ablauf, der messbar Zeit frisst und niemandes Lieblingsarbeit ist. In den meisten Kanzleien ist das die Belegaufbereitung: Belege sammeln, zuordnen, erfassen, abgleichen. Dort ist der Nutzen schnell sichtbar, und die frei werdende Zeit fliesst in fachliche Arbeit.
Wie nehme ich dem Team die Angst vor Stellenabbau?
Nicht mit Beschwichtigung, sondern mit einer ehrlichen Antwort auf die Frage, wohin die frei werdende Zeit fliesst: liegengebliebene Abschlüsse, Beratung, zusätzliche Mandate ohne zusätzliche Überlastung. Diese Antwort gehört an den Anfang des Projekts, nicht ans Ende.
Was unterscheidet einen Transformationspartner von einem Softwareverkäufer?
Der eine beginnt bei euren Abläufen und plant Menschen ein: Pilot, Feedback, Begleitung. Der andere beginnt bei Lizenzen und endet beim Rollout-Termin. Und der eine sagt auch mal, dass sich KI für einen bestimmten Ablauf nicht lohnt.