Präventive Kennzahlen im Arbeitsschutz: Warum Unfälle zählen nicht ausreicht
Geschäftsführung WandelWerker Consulting GmbH
In vielen Unternehmen gelten Kennzahlen wie die 1000-Mann-Quote, die LTIFR oder die TRIR noch immer als zentrale Steuerungsgrößen im Arbeits- und Gesundheitsschutz. Sinkende Unfallzahlen werden dabei häufig als Beleg für eine funktionierende Sicherheitskultur interpretiert. Auf Managementebene entsteht schnell der Eindruck, dass sich das Unternehmen auf dem richtigen Weg befindet.
Doch genau diese Sichtweise greift in der Praxis häufig zu kurz.
Denn klassische Unfallkennzahlen zeigen ausschließlich Ereignisse, die bereits eingetreten sind. Sie messen Schäden, nachdem etwas passiert ist. Für die aktive Steuerung von Sicherheitskultur besitzen sie deshalb nur eine eingeschränkte Aussagekraft.
Die 1000-Mann-Quote beispielsweise berechnet die relative Unfallhäufigkeit pro 1.000 Beschäftigte. Die LTIFR betrachtet Arbeitsunfälle mit Ausfalltagen pro eine Million geleisteter Arbeitsstunden. Die TRIR erweitert diese Betrachtung zusätzlich um medizinische Behandlungen sowie Fälle eingeschränkter Arbeitsfähigkeit.
Alle drei Kennzahlen haben ihre Berechtigung. Sie ermöglichen Branchenvergleiche, erfüllen regulatorische Anforderungen und liefern standardisierte Daten für das Reporting. Gleichzeitig besitzen sie jedoch strukturelle Schwächen, die in vielen Unternehmen unterschätzt werden.
Das zentrale Problem besteht darin, dass diese Kennzahlen vergangenheitsorientiert arbeiten. Sie liefern Informationen darüber, was bereits passiert ist, aber kaum darüber, wie sich Risiken aktuell entwickeln oder wie sicher Mitarbeitende tatsächlich arbeiten.
Besonders deutlich wird dies bei kleineren und mittelständischen Unternehmen. Dort kann bereits ein einzelner Arbeitsunfall die Kennzahlen massiv verändern. Umgekehrt kann eine längere Phase ohne meldepflichtigen Unfall schnell als Erfolg interpretiert werden, obwohl sich riskante Verhaltensweisen längst etabliert haben.
Hinzu kommt ein zweiter, oftmals unterschätzter Effekt: das sogenannte Underreporting.
In Unternehmen mit einer stark sanktionsorientierten Sicherheitskultur entsteht häufig ein indirekter Druck, Arbeitsunfälle oder Beinaheereignisse möglichst nicht zu melden. Mitarbeitende befürchten negative Konsequenzen, Diskussionen mit Vorgesetzten oder arbeitsrechtliche Folgen. Die logische Reaktion ist Zurückhaltung bei Meldungen.
Dadurch entsteht eine gefährliche Verzerrung.
Die Kennzahlen verbessern sich scheinbar, obwohl die tatsächlichen Risiken im Arbeitsalltag unverändert bleiben oder sogar steigen. Besonders problematisch wird dies dann, wenn sinkende Unfallquoten öffentlich als Nachweis einer erfolgreichen Sicherheitskultur kommuniziert werden.
Erfahrungen aus Sicherheitskultur-Assessments zeigen immer wieder, dass genau in solchen Organisationen häufig eine hohe Dunkelziffer existiert. Unsichere Situationen werden toleriert, Beinaheunfälle verschwinden im Tagesgeschäft und kritische Abweichungen gelten irgendwann als normal.
Die Forschung zur psychologischen Sicherheit bestätigt diesen Zusammenhang seit Jahren. Mitarbeitende sprechen Probleme deutlich seltener offen an, wenn sie negative Konsequenzen erwarten. Damit sinkt nicht nur die Anzahl gemeldeter Ereignisse, sondern auch die Qualität der verfügbaren Sicherheitsinformationen.
Ein weiteres Beispiel für die Grenzen klassischer Sicherheitskennzahlen ist die bekannte Unfallpyramide nach Heinrich und Bird.
Das Modell basiert auf der Annahme, dass hinter jedem schweren Arbeitsunfall eine Vielzahl kleinerer Ereignisse und Beinaheunfälle steht. Der Grundgedanke dahinter ist nachvollziehbar: Wer kleine Abweichungen reduziert, verhindert langfristig auch schwere Ereignisse.
In der betrieblichen Praxis wurde daraus häufig die Schlussfolgerung abgeleitet, dass feste Verhältnisse zwischen schweren Unfällen, leichten Verletzungen und Beinaheereignissen existieren.
Genau diese Annahme gilt wissenschaftlich inzwischen jedoch als problematisch.
Neuere Untersuchungen zeigen deutlich, dass sich Unfallmuster je nach Branche, Unternehmensgröße, Tätigkeitsprofil und Sicherheitskultur massiv unterscheiden. Die bekannten Zahlenverhältnisse lassen sich empirisch nicht pauschal bestätigen.
Damit bleibt zwar der qualitative Grundgedanke der Unfallpyramide relevant, ihre starre mathematische Interpretation verliert jedoch an Aussagekraft.
In der Praxis zeigt sich deshalb immer häufiger ein anderes Bild:
Unternehmen besitzen gute Unfallstatistiken, obwohl gleichzeitig erhebliche organisatorische und verhaltensbezogene Risiken bestehen.
Ein typisches Beispiel aus einem mittelständischen Industrieunternehmen verdeutlicht dies sehr gut. Über einen längeren Zeitraum gab es keinen meldepflichtigen Arbeitsunfall. Das Management bewertete dies als Zeichen eines funktionierenden Arbeitsschutzes. Erst nach einem schweren Ereignis wurde im Rahmen der Unfallanalyse deutlich, dass die zugrunde liegenden unsicheren Handlungen bereits mehrfach zuvor beobachtet worden waren. Führungskräfte hatten riskante Abweichungen toleriert, Mitarbeitende arbeiteten über längere Zeit ohne ausreichende Kontrolle unsicher.
Die Kennzahlen hatten kein Warnsignal geliefert.
Genau an diesem Punkt stoßen rein reaktive Systeme an ihre Grenzen.
Deshalb gewinnen sogenannte Leading Indicators im modernen Arbeitsschutz zunehmend an Bedeutung. Im Gegensatz zu klassischen Unfallkennzahlen messen sie nicht vergangene Schäden, sondern präventive Aktivitäten und sicherheitsrelevante Verhaltensweisen im Arbeitsalltag.
Dazu gehören beispielsweise:
• Sicherheitskurzgespräche
• Safety Walks
• verhaltensorientierte Beobachtungen
• Unterweisungen
• Aktivitäten von Sicherheitsbeauftragten
• gemeldete unsichere Situationen
• umgesetzte Verbesserungsmaßnahmen
Diese Kennzahlen besitzen einen entscheidenden Vorteil: Sie sind aktiv steuerbar.
Unternehmen können beeinflussen, wie häufig Führungskräfte Sicherheitsgespräche führen, wie sichtbar Arbeitsschutz im Alltag stattfindet oder wie intensiv Mitarbeitende in Präventionsmaßnahmen eingebunden werden.
Dadurch verändert sich auch die Perspektive auf Sicherheitskultur grundlegend.
Nicht mehr allein die Frage „Wie viele Unfälle hatten wir?“ steht im Mittelpunkt, sondern vielmehr die Frage:
„Wie intensiv arbeiten wir täglich daran, unsichere Situationen frühzeitig zu erkennen und zu vermeiden?“
Genau dieser Perspektivwechsel bildet die Grundlage moderner Sicherheitskulturentwicklung.
Präventive Kennzahlen ermöglichen dabei nicht nur Transparenz über Aktivitäten, sondern schaffen auch eine deutlich frühere Steuerungswirkung. Sinkende Präventionsaktivitäten werden sichtbar, bevor sich daraus Arbeitsunfälle entwickeln. Führungskräfte erkennen frühzeitig, wo Sicherheitskommunikation nachlässt, wo Beteiligung sinkt oder wo Sicherheitsstandards im Alltag an Bedeutung verlieren.
In der Zusammenarbeit mit mittelständischen Unternehmen und Konzernen zeigt sich immer wieder, dass gerade diese Frühwarnfunktion entscheidend ist.

Safety Culture Performance System (www.safetycultureperformance.de)
Denn Arbeitsunfälle entstehen selten plötzlich oder zufällig. Häufig entwickeln sie sich über längere Zeiträume aus geduldeten Abweichungen, mangelnder Sicherheitskommunikation und sinkender Führungspräsenz.
Damit Präventionskennzahlen wirksam funktionieren, benötigen Unternehmen allerdings mehr als nur neue Messgrößen.
Entscheidend sind drei Voraussetzungen:
Erstens braucht es die Befähigung von Führungskräften und Mitarbeitenden. Sicherheitsaktivitäten müssen qualitativ sinnvoll durchgeführt werden und dürfen nicht zu reinen Dokumentationsprozessen verkommen.
Zweitens sind einfache und praxistaugliche Werkzeuge erforderlich. Wenn Sicherheitsmaßnahmen im Alltag zusätzlichen bürokratischen Aufwand erzeugen, sinkt die Akzeptanz schnell.
Drittens braucht es ein funktionierendes Controlling, das Sicherheitsaktivitäten transparent macht und konkrete Handlungsimpulse ableitet.
Erst durch die Kombination dieser Elemente entsteht ein System, das Sicherheitskultur nicht nur dokumentiert, sondern tatsächlich steuerbar macht.

Einsatzmöglichkeiten: Safety Culture Performance System
Die entscheidende Erkenntnis lautet deshalb:
Eine gute Sicherheitskultur zeigt sich nicht ausschließlich in niedrigen Unfallzahlen.
Sie zeigt sich vor allem darin, wie konsequent ein Unternehmen täglich daran arbeitet, Risiken sichtbar zu machen, Mitarbeitende einzubinden und präventive Sicherheitsaktivitäten nachhaltig umzusetzen.