Warum Björn Höcke bei Ungeskriptet gewinnt – und Merz im Spiegel verliert

Ruben Schäfer analysiert Björn Hocke bei Ungeskriptet

Ruben Schäfer analysiert Björn Hocke bei Ungeskriptet

Letzte Woche kam es zum medialen Duell zweier deutscher Spitzenpolitiker – und das Ergebnis könnte unterschiedlicher kaum sein. Björn Höcke saß bei Ungeskriptet, Friedrich Merz beim Spiegel. Beide mit dem gleichen Auftrag ihrer PR-Berater: „Komm mal rüber wie ein Mensch, sei mal sympathisch" Doch während Höckes Interview über 3 Millionen Aufrufe und 66.000 überwiegend positive Kommentare generierte, blieb Merz' klassisches Medienformat blass und wurde als „Mimimi-Kanzler"-Auftritt verspottet. Was hier passiert ist, offenbart ein fundamentales Problem der deutschen Politik – und eine riesige verpasste Chance.

Das Podcast-Phänomen bei Björn Höcke und Ungeskriptet: Reichweite, die klassische Formate nie erreichen

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Björn Höckes Ungeskriptet-Interview erreichte bereits kurz nach Veröffentlichung Platz 1 der YouTube-Trends – und das, obwohl sein Name nicht einmal im Titel auftauchte. Rechnet man die Abrufe auf Spotify und Apple Podcasts dazu, dürfte die Gesamtreichweite längst die Vier-Millionen-Marke geknackt haben.

Höcke mit über 3 Millionen Klicks bei Ungeskriptet

Höcke mit über 3 Millionen Klicks bei Ungeskriptet

Zum Vergleich: Friedrich Merz' ZDF-Sommerinterview – eigentlich ein politisches Highlight-Format – brachte es auf magere 166.000 Aufrufe und 1.800 Likes, einige Leute dürften es auch Live gesehen haben – und gleich wieder vergessen. Obwohl das ZDF mit 1,8 Millionen Abonnenten deutlich mehr Reichweite als Ungeskriptet (830.000) haben müsste, funktioniert das klassische 20-Minuten-Interview im Netz einfach nicht mehr. Die Fragen sind vorhersehbar, die Themen orientieren sich an der Tagesschau der Vorwoche, und echte Gesprächstiefe? Fehlanzeige.

Longform-Podcasts dagegen haben ein Format gefunden, das funktioniert: Vier Stunden mögen nach viel klingen, doch die meisten Menschen hören solche Formate nebenbei – beim Autofahren, bei der Arbeit, beim Bügeln. Es ist das neue Radio, nur persönlicher, authentischer und ungeschnittener.

Warum scheitern so viele Politiker an diesem Format?

Dabei ist es nicht so, als hätte Ungeskriptet nicht schon andere Politiker eingeladen. Julia Klöckner war da – 50.000 Aufrufe, vernichtende Kommentare. Christian Lindner, Sarah Wagenknecht, sogar Gregor Gysi: Alle blieben weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Gysi, eigentlich ein Publikumsmagnet, kam auf 600.000 Aufrufe – respektabel, aber nichts im Vergleich zu Höcke.

Der entscheidende Unterschied? Die meisten Politiker verstehen das Format nicht. Sie kommen für eine Stunde, lassen sich von ihrem PR-Team einen Termin „schedulen", reden ihre vorbereiteten Talking Points runter – und gehen wieder. Kein echtes Gespräch, keine Tiefe, keine Menschlichkeit. Das Ergebnis: langweilige Podcast-Episoden, die niemanden interessieren.

Das Sommerinterview interessiert kaum jemanden im Netz

Das Sommerinterview interessiert kaum jemanden im Netz

Björn Höcke dagegen ließ sich auf das Format Ungeskriptet ein. Über vier Stunden sprach er – in der ersten Stunde vor allem über seine Kindheit, seine Kinder, seine persönlichen Erfahrungen. Er zeigte sich nicht als Redner auf der Bühne, sondern als Familienvater und ehemaliger Vertrauenslehrer. Sympathisch, menschlich, nahbar. Genau das, was sein PR-Team wollte – und was funktioniert hat.

Friedrich Merz und die verpasste Chance

Friedrich Merz hingegen ging den sicheren Weg: ein klassisches Spiegel-Interview. Wochenlang vorbereitet, von einem ganzen PR-Apparat begleitet – und doch blieb nur ein Satz hängen: „Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen." Das ist keine kämpferische Botschaft, sondern klingt nach Selbstmitleid. Im Vergleich zu Höckes „Sie wollten mich vernichten und sind gescheitert" wirkt Merz nicht wie ein Anführer, sondern wie jemand, der kurz vor dem Burnout steht.

Merz jammert im Spiegel

Merz jammert im Spiegel

Die Schlagzeile? „Der Mimimi-Kanzler". Kommunikativ ein Desaster.

Dabei hätte Merz alle Möglichkeiten gehabt. Ungeskriptet würde ihn mit Sicherheit nicht ablehnen – kein großer Podcaster würde das. Die Spielregeln sind für alle gleich: Komm vorbei, rede vier Stunden, zeig dich als Mensch. Keine kritischen Fragen im journalistischen Sinne, dafür aber echte Gespräche. Doch statt diese Chance zu nutzen, bleibt die CDU – wie fast alle etablierten Parteien – in alten Mustern gefangen.

Das Paradoxon: Alle beschweren sich – aber niemand geht hin

Besonders absurd: Viele Politiker und Journalisten kritisierten das Höcke-Interview als „Laber-Podcast" ohne kritische Fragen. Aber warum sollte sich jemand beschweren, statt selbst hinzugehen? Ben von Ungeskriptet sitzt in Köln, hat ein Studio, eine riesige Reichweite – und wartet förmlich darauf, dass weitere Spitzenpolitiker bei ihm vorbeikommen.

Es ist ein Geschenk. Millionen Aufrufe, stundenlange Sendezeit, die Möglichkeit, die eigene Position ohne Zeitdruck darzustellen – und das alles kostenlos. Doch die SPD, die Grünen, die CDU? Sie lassen diese Chance ungenutzt verstreichen. Die Grünen gehen höchstens zu wohlgesonnenen Formaten wie Tilo Jung, trauen sich aber nicht in die breite Öffentlichkeit. Die CDU ignoriert das Format außerhalb der Wahlkämpfe komplett. Und die SPD? Keine Spur.

Was Politiker von den USA lernen können

Dass solche Formate Wahlen entscheiden können, zeigt ein Blick in die USA: Donald Trump war bei Joe Rogan zu Gast – und das Interview erreichte innerhalb von 24 Stunden über 26 Millionen Aufrufe. Kamala Harris lehnte ab, weil sie angeblich keine Zeit hatte. Analysten sehen darin heute einen der Gründe für ihren deutlichen Wahlverlust. Sie verzichtete nicht nur auf direkte Reichweite, sondern auch auf die massive Nachberichterstattung, die solche Auftritte erzeugen.

Genau das passiert jetzt in Deutschland mit Höcke: Aus seinem Podcast entstehen Spiegel-Artikel, Welt-Berichte, Social-Media-Diskussionen. Wer nicht dabei ist, verliert nicht nur die direkte Reichweite, sondern auch die gesamte mediale Welle danach.

Verschiedene Formate für verschiedene Ziele

Das bedeutet nicht, dass klassische Formate überflüssig sind. Ein ZDF-Sommerinterview oder ein Spiegel-Gespräch haben ihren Platz – dort geht es um konkrete Politik, um Fakten, um kritische Auseinandersetzung mit Entscheidungen. Solche Formate sind wichtig, um Rechenschaft abzulegen und politische Pläne zu erklären.

Aber wenn es darum geht, sympathisch und menschlich rüberzukommen, wenn Beliebtheitswerte steigen sollen, dann sind Podcast-Formate wie Ungeskriptet der richtige Weg. Hier kann man zeigen, wer man wirklich ist – abseits von Pressemitteilungen und Talking Points. Hier entstehen die emotionalen Verbindungen, die Wähler letztlich bewegen.

Warum die AfD hier aktuell vorne liegt

Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet die AfD – eine Partei, die organisatorisch oft chaotisch wirkt – im Podcast-Game so viel besser abschneidet als etablierte Parteien mit ihren riesigen PR-Apparaten. Maximilian Krah, weitaus weniger prominent als Gregor Gysi, erreichte bei Ungeskriptet fast 2 Millionen Aufrufe. Der Grund? Die AfD hat verstanden, wie Podcasts funktionieren.

Die etablierten Parteien haben diese Lernkurve noch vor sich. Und je länger sie warten, desto mehr Terrain verlieren sie – nicht nur medial, sondern auch in den Köpfen der Wähler.

Fazit: Nutzt die verdammten Chancen

Der dringende Appell an alle Politiker lautet: Geht in diese Formate! Ruft bei Ungeskriptet an, bei anderen großen Podcasts, zeigt Präsenz, zeigt Initiative. Wenn ihr anderer Meinung seid als Höcke, dann widersprecht ihm dort – mit der gleichen Reichweite, unter den gleichen Bedingungen.

Natürlich erfordert das Vorbereitung. Auch wenn das Format „Ungeskriptet" heißt, ist Höcke ein Medienprofi, der genau weiß, was er tut. Wer in solche Formate geht, sollte sich trainieren lassen – von PR-Beratern, die verstehen, wie man in langen Gesprächen authentisch bleibt, ohne die Kontrolle zu verlieren.

Aber das Ergebnis gibt dieser Strategie recht: Millionen Menschen erreichen, echte Gespräche führen, als Mensch wahrgenommen werden. Das ist heute mehr wert als jedes klassische Presseinterview. Wer das ignoriert, wird die nächste Wahl nicht am Marktplatz verlieren – sondern auf YouTube.

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